Eva Stefani, The Boy & Friedrich Liechtenstein Box Talk, moderiert von Carl von Karstedt, 27.01.2018, 20 Uhr

Die Leidenschaft des Überlebens
von Ina Kutulas

Man könnte meinen, dass bei einem Box Talk, moderiert von Carl von Karstedt, an dem “The Boy”, Eva Stefani und Friedrich Liechtenstein teilnehmen, die Vier sich eher gegenüber sitzen, als dass sie zusammensitzen. In dieser Runde scheinen immer Zwei in irgendeiner Weise ein Paar abzugeben. Wer bei HELLAS FILMBOX BERLIN bereits Eva Stefanis Filme “Athen” und “Die Badenden” gesehen hat, wird die Regisseurin womöglich eher in der Nähe von “The Boy” als in der Nähe von Friedrich Liechtenstein vermuten. Ist beider Message: “Diese Welt geht unter – so oder so, durch jedes System”? Oder sagt ihnen die Gegenwart etwas anderes?
Grenzt sich Friedrich Liechtenstein mit seiner Munterkeit gegen “die Griechen” ab? Wer Friedrich Liechtensteins Video “Nicht singen beim Schwimmen” kennt, könnte Liechtenstein sich allerdings gut in Gesellschaft von Eva Stefani mit “Die Badenden” vorstellen. Oder bringt “The Boy” als Musiker sich erst recht in die Nähe zu Liechtenstein, der mit großer Leichtigkeit den Wechsel von Welt zu Welt vollziehen kann? Kommt der Sohn aus “The Boys” Film “Der Faden” in eine brisante Nähe zu der abwesenden jungen Generation, während in “Die Badenden” die ältere Generation im Fokus ist?
Wird Liechtenstein, der einst in der DDR aufwuchs und lebte, sich in Beziehung setzen zur Fiction von einer “Spiegel”-Mauer, die in “The Boys” Film die Stadt Athen umgibt und Athen zu einem griechischen Ost-Berlin macht; wird sich ein Gespräch ergeben über Leben und Tod bei aller Unterschiedlichkeit von Diktaturen? Wird Moderator Carl von Karstedt, der einmal in einer Weberei gearbeitet hat, eine Ariadne mit einem roten Faden entdecken wollen, überall? Irrgang, Niedergang, Untergang, Grenzgang, Fäden durch Diktaturen-Labyrinthe. Vier wehrhafte Persönlichkeiten, die sich über die “Leidenschaft des Überlebens” austauschen könnten. Oder?

Friedrich Liechtenstein
Nach einer großen beruflichen und persönlichen Krise betritt Friedrich Liechtenstein 2002 erstmals das Licht der Öffentlichkeit. Nach 40 Songs in 14 Jahren trägt er 2016 in einem symbolischen Akt seinen Hauptcharakter, den Delfinmann, während eines Auftrittes in der Pro 7 Tanz-Show „Deutschland tanzt“ zu Grabe und feiert seine Wiederauferstehung als Elevatorman. Er ist Gründer und Direktor der Ersten Vertikalen in Bad Gastein, einem Filmfest in den Bergen. Tiefpunkt seiner Lebensumstände war die Zeit als Schmuckeremit in einer Brillenfirma in Berlin-Mitte. 2012 beschimpfte er dort die Sonne, danach wendete sich das Blatt. 2014 bekam die Öffentlichkeit Wind davon. Das Leben als Kunstwerk und die Macht der Erzählungen sind seine wichtigen Themen. Geboren wurde er 1956 als Hans-Holger Friedrich in der DDR und war bis 2002 ein sehr umtriebiger und erfolgreicher Theatermann.

The Boy
wurde 1981 in Athen geboren. Er hat eine Leidenschaft für Filme, für das Filmemachen und die Welt des Kinos. Bei etlichen seiner Filme war er Drehbuchschreiber, Regisseur, Produzent und auch Schauspieler. Bei Filmproduktionen von Kollegen arbeitete er ebenfalls als Regisseur. “The Boy” ist weithin bekannt für seine Musik und tritt in ganz Europa auf, nachdem er eine Reihe von Soloalben veröffentlicht hat. Er komponierte schon häufig Filmmusik.
Bei seiner Arbeit als Regisseur interessiert “The Boy”, im Film etwas Unerwartetes passieren zu lassen. Der Zuschauer soll nicht das sehen, was er im nächsten Augenblick ohnehin erwarten würde oder was er schon tausendmal gesehen hat. “The Boy” findet es außerdem spannend, in Griechenland selbst Projekte zu realisieren, die neugierig machen auf das, was dort passiert und das Bedürfnis wecken, in dieses Land kommen zu wollen. Im Gegensatz zu vielen Künstlern, die Griechenland verlassen, um im Ausland zu arbeiten, sieht “The Boy” seinen Platz als Filmemacher eher in seiner Heimat. Er hält schwierige Lebens- und Arbeitsumstände für eine bessere Voraussetzung, künstlerisch zu arbeiten bzw. gute Filme zu machen. Seiner Erfahrung nach könnte Ruhe eher hinderlich sein. Bisher realisierte “The Boy” folgende Filme: „Thread“(2016), „Higuita“ (2012), „Pink“ (2006), „Crying?“ (2003)

Eva Stefani
geboren 1964, ist Dokumentarfilm-Regisseurin. Sie studierte Politikwissenschaften an der Universität von Athen (1981-1987) und anschließend Dokumentarfilm an der Ecole Varan in Paris (1989) sowie Cinema Studies und Ethnographic Film an der Universität New York (1989-1991). Anschließend absolvierte sie eine 4jährige Dokumentarfilm-Ausbildung an der National Film and TV School in England (1991-1995). Seit 2000 unterrichtet Eva Stefani Cinema Studies an der Universität Athen.
Sie realisierte u.a. „Gutters“ (1987), „La vie en vert“ (1989), „Moiroloi“ (1991), „Paschalis“ (1993), „Athen“ (1995), „Letters from Albatros“ (1995), „Inner Space“ (1998), „Prison Leave“ (2001), „Akropolis“ (2001), „Reveille“ (2000), „Avraam and Iakovos“ (2001), „The Box“ (2004), „What time is it?“ (2007). „Louomenoi“ (2009), „Filoxenoumenoi“ (2011), „I epistrofi tou E.H. Gonata“ (2012). Der Film „Athen“ wurde geehrt mit dem 1. Preis für Kurzfilm des Griechischen Kulturministeriums 1995 und erhielt im selben Jahr die Auszeichnung des Griechischen Filmcenter.

Carl von Karstedt
wurde offensichtlich geboren. Seitdem hat er Firmen gegründet, ein paar Dokumentarfilme für’s Fernsehen gemacht, einen Grimmepreis für die Serie ‘Kunst und Verbrechen’ bekommen, einen Affen großgezogen und auch ansonsten versucht das Leben abenteuerlich zu gestalten. Er wäre gerne politisch aktiv, findet die Parteienpolitikultur in Deutschland aber so grauenvoll, dass er bisher die Finger davon gelassen hat. Eine besser Zukunft hält er für möglich, aber unwahrscheinlich.

HELLAS FILMBOX BERLIN Box Talk

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Außerdem jeden Tag bei Hellas Filmbox 2018 in URBAN SPREE: Free Entrance/Freier Eintritt Greek Market, Café-Shop, Food-Track, Red Bar Filme & Drinks  – und all das an einem der angesagtesten Orte Berlins, bei einem der angesagtesten Filmfestivals Berlins.